501 Sterne weit weg

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Dieses Buch transzendiert zwischen Drehbuch und Roman, ist belebt von Charakteren, die sich in immer absurderen Situationen wiederfinden und dabei in eine ganze Menge Situationskomik stolpern. Ein Musik-Roman voller Abenteuer, philosophischen Exkursen und utopischer Allüren, die eine verunsichernde Nähe zu unserem Alltag herstellen und alle möglichen Fragestellungen zu uns projizieren.



Leseprobe:


Ouverture


Ihre Nackenhaare sträuben sich, als die Electric-field-drums wieder einsetzen zu spielen.
Sie muss ihre Augen kurz schließen, weil der Musiker an der Licht-Viola einen hellen, schrillen Ton spielt; ihr Körper wird sanft von den Gravitationswellen hin- und her-geschaukelt, die die Fagottistin mit ihrem Schwerkraft-Instrument über die Bühne durch den Club bläst.


Sie nimmt einen Schluck von ihrem Getränk:
der verführerisch duftende Ayahuasca-Lemon entfaltet sein volles Aroma in ihrem Mund, während sie nachdenklich die oszillierende Flüssigkeit zwischen ihren Backen hin und her presst: wärmend rinnt er ihre Gurgel hinunter und kriecht langsam zurück von ihrem Hals und von ihrem Rachen aus, über die Nase in ihren Kopf:
ein paar Atemzüge später beginnen archaische Schlangen-Wesen aus der Tele-Orgel zu kriechen: diese teils aus Flüssigkeit, teils aus Schuppen bestehenden Wesen schlängeln sich neugierig durch den ganzen Raum:
mit einem inneren Leuchten oder Bordun ausgestattet, beginnen die Kreaturen ihre Wellen an den Raum um sich herum abzugeben, und eben diesen raum, der sie unmittelbar umgibt, sanft in Schwingungen zu versetzen;


Die Wesen zischen fast sanglich und pendeln mit verspieltem Rauschen in Ans Richtung. An wird leicht übel und sie versucht sich auf die Efeu-Haare des Mannes am Stehtisch ihr gegenüber zu konzentrieren; eben als sie ihren Organismus an dem fokussierten Anhaltspunkt zu beruhigen sucht, beginnt sich der Tisch mit dem Mann und seinen Haaren schwebend von ihr weg zu bewegen; die weitere Suche nach Anhaltspunkten in dem Club bleibt ohne Erfolg:
auch ihre komplette Umgebung beginnt sich in alle Richtungen gleichzeitig zu deformieren und zu zerschieben. Als An sich kurz wieder auf die Musik konzentriert, scheint diese nicht mehr länger von der Bühne her zu strahlen, sondern aus einem weit entfernten, steinernen, Halligen Dom:
jedes noch so kleine Geräusch, jedes Funkeln, selbst der Luftzug, den die Kellnerin im vorüber-gehen verursacht, wird wahrnehmbar.
Während An versucht, sich auf die neu-entstandene Umwelt einzulassen, scheint der Raum indessen aber wieder kleiner geworden zu sein:
der Dom ist einer kleinen verwinkelten Grotte gewichen, und es ist jetzt unmöglich, auszumachen, woher die ganzen Sinnesreize stammen, die das Flair dieses Clubs ausmachen:
Obwohl ihre Augen sehen, dass die Kellnerin den Mann mit den Efeu-Haaren vor ihr etwas fragt, hören die Ohren das Gespräch zweigeteilt aus mindestens 5 verschiedenen Richtungen:


***


Seine Nackenhaare sträuben sich, als der Elektronensturm draußen vor der Höhle wieder stärker beginnt zu wehen.
Er öffnet kurz seine Augen, weil die Sonne für einen Augenblick zwischen den Wolken durch den langen Gang hindurch bis in sein Gesicht strahlt. Kaum wach, werden seine Gedanken sanft von den Böen durch massiert, die das Wetter heran und wieder fort trägt.


Sein Mund ist ganz vertrocknet; die kühle, staubige Präsenz der tönernen Erde rund um ihn herum liegt ihm auf der Zunge und er versucht seine verklebten Schleimhäute mit etwas Speichel zu benetzen, indem er sich leicht auf die Zungenspitze beißt.
Er saugt die letzten Reste feuchter Luft aus der hintersten Ecke der Höhle tief ein, um sich auf den Tag vorzubereiten.
Der Sturm außerhalb entfaltet inzwischen sein volles Ausmaß und der kleine Orkan beginnt mit den ersten Gegenständen am Eingang des Unterschlupfes zu spielen:
die auf unbestimmte Zeit abgestellten Metallstangen krachen kontinuierlich beim Entladen mit der ungeladenen Felswand.
Chio wird flau im Magen als er die ionisierte Luft riechen kann. Er versucht sich darauf zu konzentrieren, beim aufstehen das Gleichgewicht zu halten und alle seine Sachen so schnell wie möglich zu packen.
Noch immer gewinnt das Naturereignis an Energie und greift tiefer in die Höhle nach neuem Material und Darstellern für sein Happening:
feinster Metallstaub wird von den elektrisch-magnetischen Feldern in die Luft gehoben und zu den Rhythmen gewiegt, die kleine Schrauben und Werkzeuge durch Hin- und Her-Kratzen am Boden erzeugen; dazu das gelegentliche Knistern von Entladungen. Manchmal, wenn ganz heftige Böen auf die Bergflanke treffen, leuchten bunte Elmsfeuer aus allen Bestandteilen dieses Heavy-Metall-Konzertes.
Schlafmatte und Utensilien sind in diversen, an seinen Kleidern angenähten Taschen verstaut; der Orkan ändert die Kulisse im Berginneren von Minute zu Minute:
bewegen sich die Teile zuerst nur sanft auf und ab, während sie von regelmäßig schwellenden Lichtern begleitet werden, verzerren sie sich danach in Blitzschnellen Wechseln und werden durch die Gegend geschleudert, während ratterndes Knistern die Luft zersetzt und Funken-artige Entladungen die Szenerie schockartig belichten.


Endlich hat Chio seine runde Schutzbrille angelegt und sich seinen langen, schweren Umhang umgeworfen, Das Atmen wird in der stickigen Luft immer schwerer.
Keine Sekunde zu früh zurrt er das letzte Ausrüstungsteil an seinem Gurt fest:
ein Surren verstärkt sich innerhalb der Wände und die Luft beginnt bei jeder Bewegung zu Knistern; Elmsfeuer sprühen in der Staubwolke umher. Chio nimmt Anlauf – beim Durchlaufen der feinen Metallteilchen stechen ihm die Splitter kitzelnd in die Wangen. Das Surren wird höher und höher, während Chio das Ende des langen Ganges erreicht. Im gleichen Moment erreicht Chio den Höhlenausgang, macht einen Satz mit Hechtrolle zur linken Seite; erreicht das Surren eine Ohren-betäubende Durchdringlichkeit und ein gewaltiger Blitz fährt aus den Wolken mitten in die Höhle:



*** die Kündigung ***

Am Horizont tanzen zwei feurig rote Doppelsonnen ihren Tanz, als sZyK und Heinrich durch das Tor der System-Kontrollzentrale treten. Heinrich trägt mindestens ein Dutzend Datenkugeln unterm Arm und in der Hand; sZyK ca. die selbe Menge der Datenträger in einer Blase seines Körpers.
Niemand nimmt Notiz von den beiden, als sich das schwere Portal hinter ihnen wieder schließt.
Die Raumstation fasst nur einige Zehntausend Lebewesen und jeder, der irgendwas mit Raumflügen zu tun hat (und das sind in diesem abgelegenen System so gut wie alle), kennt die unverkennbaren Stimmen der beiden aus der Flugkontrolle. Alle die hier auch leben kennen irgendwann dann auch die passenden Gesichter dazu.


sZyK: „Die werden schon sehen, was sie davon haben uns zu feuern, unehrenhaft entlassen wegen Rückfragen zu de Evakuierungsmaßnahmen...“

Heinrich: „Denkst-du-nicht,-dass-wir-mit-dem-konfiszieren-aller-von-uns-jemals-bearbeiteten-Flugdaten-etwas-zu- weit-gehen?

sZyk: „Wieso? Das System wird sowieso Stück für Stück evakuiert; bei der nächsten Flaute kommen weitere Transportschiffe hierher.“
H.:„Du-hast-recht;-aber-was-machen-wir-jetzt-mit-den-Daten?

s: „Verkaufen!“

H: „An-wen-hast-du-gedacht-sZyK?“

s: „Wir werden morgen ins rechts schauen zu dem Konzert, vielleicht finden wir einen von Baron Goh-ohgls Schergen dort. Ich denke mit dem Erlös können wir eine Zeit lang ganz gut auskommen.“

H: „Ich-verstehe.“
„Möchtest-du-einen-Keks-sZyK?“


Heinrich schultert die mit Schnur gebundene Schachtel voller Space Cookies elegant wieder (soweit das für diese Serie an Robotern möglich ist), die die beiden als kulinarische „Abfertigung“ aus der Betriebsküche mitgenommen haben.
Einige grüßen die beiden heuchlerisch respektvoll, unwissend, dass die Datenträger unterm Arm keine Überstundenbeschäftigungen sind. Am Hauptplatz gehen die beiden in die Menge über, und die Kameras können nicht erfassen, dass die zwei zu einem versteckten Kellerraum in einer der Nebengassen unterwegs sind.



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